Summer 2010

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Unter Spanien stelle ich mir riesige Kolonnen holländischer Touristen vor, die Jahr für Jahr von Juni bis September die Autobahnen gen Süden vollstopfen. Spanien; das ist…verdammt heiss. Wüstenähnliche Landschaften, sonst nicht viel. Trocken eben. Und ein paar Fußballverrückte vielleicht.

Als uns unser russischer Fahrer von Perpignan (Frankreich) gen Valldoreix (Spanien) fährt, werde ich eines besseren belehrt. Sattes grün wohin das Auge blickt, wunderschöne Berglandschaften. Und das soll Barcelona sein? Glücklicherweise befinden wir uns gute 25 Minuten per Zug von der katalanischen Metropole enfernt, was bei Ankunft auch gleich bemerkbar wird. Es ist Siesta, jene spanische Gewohnheit zu Mittag alles öffentliche Leben still zu legen und bis zum späten Nachmittag durchzuschlafen. Bei glühender Hitze laufen wir die zwei Kilometer bis zu Lena’s Haus, ohne auch nur irgendeiner Seele zu begegnen. Einzig die Köter kläffen unaufhörlich uns vorbeigehend an. Am Haus werden wir herzlichst empfangen, und wir fühlen uns superwohl. Ein großes Grundstück, eigener Garten, dickes Haus. Viel Arbeit steckt noch drin, aber schon nicht schlecht das ganze. Ganze drei Tage machen wir es uns hier gemütlich.

In dieser Zeit erproben wir das Trampen innerorts, was wunderbar klappt. Zumeist hält der erste oder zweite PKW, von fünf Fahrten stoppen drei Frauen. Gute Quote, wir sind zufrieden. Immerhin die zwei Kilometer Fußmarsch vom S-Bahnhof und zurück gespart. Oder eben zum nächsten Geschäft. Vonwegen, Spanien sei ein schlechtes Land zum trampen.

Mit langweiligen, stinkenden Raststätten geben wir uns dann auch gar nicht erst ab. Auf dem Weg durch Frankreich kotzten sie uns schon regelrecht an, die Touristenkolonnen holländischer und belgischer Urlauber, vollbepackt mit Rotzplagen und dummen Muttis, die einen anschauten als ob man gerade vom Маrs gelandet wäre. Fahrt ihr men’ in eure stinkigen Hotelblöcke und gart euch am vollbepackten Strand, uns solls’ recht sein.

Wir begeben uns lieber ins Inland, auf nach Pamplona. Dort sind die Kolonnen zwei Wochen zuvor durchgezogen, um dem Schaulaufen vom San Fermines Festival beizuwohnen. Hunderte Menschen rennen durch die Gassen, verfolgt von einer wilden Horde Stiere. Klingt ganz lustig, ist es scheinbar auch, nur dumm das die Abenteuerlustigen vor lauter Läufern die Stiere nichtmal mehr erblicken. “Zuviele neureiche Amerikaner eben, die mal eben für das Spektakel rüberfliegen”, erklärt man uns.

Das Trampen nach Pamplona ereignet sich als äußerst angenehm, es geht wunderbar voran. Ein ulkiges Pärchen, ein Vater mit seinem Sohn, Genossen die Opfer der Diktatur Francos aufspüren und identifizieren, zu guter letzt ein netter Baske auf dem Weg nach Vitoria-Gasteiz, der es für keinen Umweg hält von Zaragoza aus über Pamplona zu fahren, so dass wir am frühen Nachmittag bereits dort eintreffen.

Pepe, unser Gastgeber, ist nen lustiger Geselle mit seltsam geformten Stühlen auf dem Rücken, die er sich im Suff in den Staaten hat stechen lassen. Wir fahren nach Tudela, wo gerade zufällig irgendein Festival zugange ist, bei dem statt Stieren Kühe durch die Straße gejagt werden und tollkühne Spanier sich waghalsig diesen in den Weg stellen. Pepe erklärt uns, das Kühe gefährlicher seien als Stiere, da diese etwas cleverer sind und nicht bloss stumpf geradeaus rennen, sondern auch mal ausweichen oder sich dir in den Weg stellen. Interessant das ganze.

a whole lot of waiting
a whole lot of waiting, originally uploaded by platschi

Am Tag darauf trampen wir frohen Mutes gen Galizien, was mit kurzen Lifts Richtung Westen – Vitoria-Gasteiz – beginnt, bevor wir wieder gen Nordosten an San Sebastian vorbei nach Irun trampen, da dort eine große Raststätte sein soll die gute Chancen bietet. Kurioser Umweg, aber das Baskenland belohnt uns mit wunderschönen Aussichten. Und in der Tat, nach kurzen Minuten des holländischen Grauens an der Raststätte stoppt ein Minibus mit moldawischem Kennzeichen. Vier kugelrunde Moldowaren, schon sehr stark angeheitert bieten uns einen Lift bis Santander an. Läuft!

Unterwegs dürfen wir vom üppig vorhandenen moldawischen Wein und Schnaps probieren, selbstverständlich hausgemacht und ohne Chemie. Stullen, Fleisch und Gurke gibts obendrein dazu. Eine lustige Fahrt, Maria unterhält die Jungs, und am frühen Nachmittag erreichen wir Santander. Dieses Touristenloch schaut ganz nett aus, und ehe wir uns versehen haben wir unser Zelt auf irgendeinem Hügel hoch über der Stadt aufgebaut, einen Steilhang hinunter zum Meer vor unseren Füßen. So lässt’ sichs Leben.

Am nächsten Morgen brechen wir wieder auf gen Westen. Dieses mal dann bitte Galizien. Ein Pärchen bringt uns zwei Kilometer raus aus der Stadt, ehe ein Brite zum nächsten Strand düsen will. Wir trampen über zwei Auffahrten hinaus ca. 30 km, bis wir an einer verlassenen Auffahrt im nirgendwo stehen. Gelassen wie man ist stört uns das recht wenig, und nach vielleicht zwanzig Minuten hält dann auch Pepe aus Asturien. Er ist selbst getrampt, damals entlang der US-Westküste, kommt gerade aus Miami und hat seinen Job gekündigt. Wir werden eingeladen und befinden uns einige Stunden – nach einigen Bierchen und verköstigt mit Tintenfisch – später in seiner üppigen Villa wieder, wunderschön gelegen in den asturischen Bergen, mit Blick aufs Meer. Was bitte schön will man mehr?

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“Wer nicht als Lebender nach San Andrés pilgert, muss es als Toter tun” …

Seit unserem ersten innerspanischen Reisetag verfolgt uns dieser Name. Irgendwo hinter Barcelona gabeln uns drei Madrilenen auf, die gerade die sterblichen Überreste ausgegrabener Spanier umherkutschieren, Opfer der Diktatur Francos. Unser Gastgeber auf der Rücksitz des Fahrzeuges hat es sich da natürlich nicht nehmen lassen, uns seine gesamte Sammlung an Foto’s der vergangenen Wochen – die Ausgrabungen eben jener Opfer – zu präsentieren. Wir hatten ja Zeit auf der über 200 km langen gemeinsamen Reise bis Zaragoza. Wovon Xulio aber noch weitaus mehr schwärmte, war sein heissgeliebtes Galizien. “Das Irland Spaniens”, “Spanien’s Kronjuwel im Nordwesten” und ähnliche Lobhymnen hatte er für seine Heimat über. Aber ein Ort, der sei ganz besondern. Irgendwie…magisch. Nicht mit Worten zu beschreiben, einfach traumhaft schön. Und, wie er uns verrät, “irgendwann reist jeder dort hin, wenn nicht lebendig, dann als Toter”. Grund genug, seinen Daumen im schwierigen Tramperland Spanien zu schwingen in Richtung der nordwestlichsten, entlegendsten Ecke: San Andrés de Teixido. Der Name des Ortes und ein übergroßes X irgendwo nördlich von A Coruna auf unserer Karte sollten reichen als Wegweiser.

Nach Tagen in Pamplona, Santander und Asturien haben wir irgendwann Galizien erreicht. Es ist tatsächlich extrem grün hier, eine Wohltat nach der kargen Wüstenlandschaft bei Zaragoza. Die Reise nach San Andrés de Teixido gestaltet sich als schwierig. Je näher wir diesem Ort kommen, desto größer wird die Gastfreundschaft der Spanier. Nie wollen wir weiter, am liebsten überall für Wochen verweilen. In Asturias schon beherbergt uns Pepe tagelang in seiner Villa, traumhafte kleine Dörfer begegnen uns. Das Trampen wird von Kilometer zu Kilometer einfacher. Zwischen Galizien und Asturien lädt uns ein Rentner zum Tintenfisch ein, wovor jedoch mehrere örtliche Kneipen abgefahren, um überall den – geht so – köstlichen Cidre zu vernaschen. Hinter jeder Kurve, jedem Hügel verbergen sich hier wunderschöne Aussichten, kleine Fischerdörfer versteckt im nirgendwo, und wir lassen uns leiten und gleiten dahin mit einem gut über 60-jährigen in seinem in die Jahre gekommenen Mercedes. Der Strohhut auf der Rückbank hatte es mir besonders angetan. Auch er schwärmt von San Andrés, dem Ort, an dem die Toten mit den Lebendigen zusammenstoßen.

San Adres de Teixido

Ao San Andrés de Teixido vai de morto, o que no foi de vivo, originally uploaded by platschi

Gegen Abend verabschieden wir uns wehmütig und leicht beschwipst von ihm, um wenig später mit einem französischen Ehepaar gen Cedeira zu düsen. Wir befinden uns jetzt im Nordwestlichsten Zipfel Spaniens, und urplötzlich, aus dem nichts taucht dieses kleine Schild mit der Aufschrift “San Andres” an einer Seitenstraße in Cedeira auf. Ein kleiner Fußmarsch aus dem Dorf hinaus, und da stehen wir im Galizischen Nirgendwo. Rein gar nichts bewegt sich hier, die Dämmerung setzt schon ein. Doch uns stört das herzlichst wenig. Die Stimmung Galiziens, die Begegnungen auf dem Wege: Wir befinden uns in einem Traum, der schier nicht enden mag. Bewegungsfaul sind wir trotzdem, und nach vielleicht zwanzig Minuten kommt aus entgegengesetzter Richtung ein junger Typ mit seinem aufgepeppten Golf daher. Wo wir hinwollten; “achso, San Andrés”. Er bringe uns dort wohl hin, sonst würden wir hier ja noch Jahre warten. So gibt er uns einen zwölf Kilometer langen Lift, der es in sich hat. Berge, Natur, Einsamkeit, ja sogar Pferde und Kühe kommen uns freizügig und ohne Zwang auf der Straße entgegen. Unser Chauffeur scheint sich zuvor einen geraucht zu haben, ist superglücklich und entschuldigt sich noch, dass er uns keine geeignete Stelle zum zelten ausweisen kann.

Macht nichts, wir finden auch so etwas. Und im frühen Morgengrauen – ja sogar ein wenig Regen gab es – machten wir uns auf ins Dorf. Oder eher der Ansammlung von vielleicht einem Dutzend Häusern. Die Atmosphäre ist berauschend, kaum einer Menschenseele begegnen wir, die Touristen kommen erst viel später am Mittag. Ein Mann streicht gerade das Tor zur Kapelle, abgesehen davon ist es Mucksmäuschenstill. Zwei Hunde begleiten uns, einer, so erzählte uns am Vorabend ein Dorfbewohner, sei vor kurzem von Touristen hier ausgesetzt worden. Wir wandern den Hang hinab, schauen auf den sich wahnsinnig vor uns aufbäumenden Atlantik. Im Nacken San Andrés de Teixido. Wir sind sprachlos. Beschreibungen dieser traumhaften Idylle sind wertlos und würdem dem nicht gerecht werden. Es ist, als hätte der gesamte Weg uns nur hierher führen wollen, als hätte diese Reise nur eine einzige Bestimmung gehabt. Denn, wie uns Xulio schon zu Beginn zuflüsterte: “Wer einmal dort war, möchte jederzeit wieder zurück. Wenn nicht mehr als Lebender, dann mit den Toten.”

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Morocco

Succesfully hitched the ferry to Morocco. A bit too hot here.

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Relax, originally uploaded by platschi.

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