Per Anhalter von Lettgallen nach Moskau (des Nachts) – Teil 1

Zugegeben, nach drei gescheiterten Versuchen, an der lettisch-russischen Grenze des Nachts kurz nach Mitternacht per Anhalter gen Moskau bzw. Riga weiterzukommen, sollte man eigentlich zur Vernunft gekommen sein und es dann vielleicht doch lassen.

Nichtsdestotrotz, es war diesmal nicht ganz so kalt wie im vergangenen Dezember, und ich begab mich nach kurzem Geplänkel an einer lettischen Schule auf den Weg hinaus aus Rēzekne . Dichter Nebel umhüllte das Land um Lettgallen, und die Abenddämmerung trat bereits seinen unausweichlichen Siegeszug für die kommende Nacht an.

Für Tramper an sich nichts schlimmes, solange man sich genüsslich an den Rasthöfen westeuropäischer Autobahnen aufhält, die voll beleuchtet und 24 Stunden am Tag geöffnet haben. Aber auf einer Strecke von ca. 700 km, an der sich gerade einmal zwei größeren Ortschaften ansiedeln – sieht man von den Moskauer Vororten ab – doch ein gewagtes Unterfangen. Dazwischen erstrecken sich schier endlos erscheinende Waldstücke und matschige Straßen, und zufällig hatte der Autor auch noch sämtliches Nachtequipment daheim vergessen. Einzig Patryk seine alte Warnweste durfte mir ihren Dienst erweisen.

Also, zurück nach Lettgallen. Im dichten Nebel der Ausfallstraße zu Rēzekne, bei leichtem Nieselregen und der eintretenden Dämmerung brauchte es etwa fünf Minuten, bis ein alter Audi 80 stoppte. Ein üppiger Russe nimmt mich mit nach Ludza, dem nächstbesten Kaff. Ich bekomme einzig in Erfahrung das er irgendwann einmal in Moskau studiert habe. Wenig später, am Ende von Ludza, scheiden sich unsere Wege. Er wünscht mir Glück – es ist bereits stockduster – und ich begebe mich auf die Suche nach einer einigermaßen trockenen Stelle, bei der einem vorbeifahrende Vehikel nicht vollkommen bespritzen mit Schlamm, Moder oder Regenwasser. Die bereits vorher genannte Warnweste kam nun endlich auch zum Zuge. In beständiger Entfernung spendete eine kleine Tankstelle zumindest etwas Licht. Unfassbar dann, oder – Willkommen im Baltikum! – der zweite Lastkraftwagen hält tatsächlich, trotz widriger Bedingungen und meiner beinahen Unsichtbarkeit. Ziel, natürlich: Die Grenze.

Die alte Maschine ist von innen vollkommen verdreckt, es riecht seltsam, aber ich mache mir nichts daraus, versuche herauszubekommen wohin er fährt – Moskau – mein Herz schlägt Achterbahnen, nur um dann wieder auf dem Boden der Tatsachen zu Landen, indem er mir mit nuschelndem Russisch erklärt, er müsse mindestens 24 Stunden an der Grenze warten, um überhaupt rüber zu kommen. Na denn, Prost Mahlzeit.

Nach fünf Stunden Wartezeit im Trucker Café auf lettischer Seite – immerhin gratis WiFi, wo gibt’s das an deutschen Raststätten?! – trotte ich gen Russland. Das Visum war pünktlich um Mitternacht gültig, und der junge russische Beamte am ersten Posten hält sich auch mit übereifriger Genauigkeit daran, indem er mithilfe seiner Finger mir minütlich durch das Fenster seines Kabuffs mit einem sarkastischem Grinsen die verbleibende Zeit diktiert. So können 35 Minuten Wartezeit bei Nieselregel im vielleicht 10 Quadratmeter großem Niemandsland doch recht langwierig werden. Am Ende wollte er nicht einmal meinen Pass sehen, sondern winkt mich direkt durch. Passkontrolle bekanntermaßen ja erst beim zweiten, dritten und je nach Laune vierten Beamten.

Zwanzig Minuten später stehe ich also endlich in Russland, keine fünf Meter vom letzten Grenzposten entfernt. Dort muss jedes Vehikel anhalten, jeder Fahrer aussteigen & zum Kabuff laufen um irgendeinen Zettel abzugeben. Meine Chance also, mich bei potentiellen Fahrern bemerkbar zu machen. Zwei Straßenlaternen spenden Licht, optimale Voraussetzungen also. Die letzten Male dauert es gerade mal knappe 8 bis 9 Stunden, bis dann endlich mal jemand weiter fuhr als zu einer der drei Tankstellen, die einen Kilometer weiter vor sich hinvegetieren. Lastkraftwagen kann man zu dieser Zeit eh vergessen, fast jeder Fahrer geht natürlich – logisch?! – des Nachts schlafen…..

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