Biel-Bern-Emmental, 28.2./1.3.2010

March 8th, 2010

Sonntag um 17.30 Uhr: Nach einem Tag, an dem sich alle 5 Minuten Sturm, Sonnenschein&blauer Himmel, Regen und irgendein Mix von alledem die Klinke in die Hand gegeben hatten, stehe ich am Strassenrand mit bereits ziemlich “gut benutztem” BERN-Schild. Hinter mir spannt sich ein riesen Regenbogen über den Himmel. Die untergehende Sonne lacht lustigförmige weisse Wolken an. Alles ist gut. 17.55 Uhr: Noch immer stehe ich an derselben Stelle!!! Mann!! Dann halten zwei junge Floristinnen an und fahren mich nach Schönbühl. Sie sind mir auf Anhieb sympatisch; die eine zeigt auf ihre deutlich von der Arbeit gezeichnete Jeans und sagt, sie habe sie erst vergangenen Mittwoch gekauft.
In Schönbühl: Dunkle, riesige Wolkenmassen vermengen sich über mir zu einem unheimlichen Gebilde. Ein kalter Wind bläst mir Regen ins Gesicht. Zum Glück fährt mich “schon” nach 10 Minuten ein netter Autohändler ins Wankdorf.

Wie anders am Montag, 13 Uhr: Ich stehe an derselben Stelle. Sonniges, freundliches Frühlingswetter. Blumen überall. Autos fahren vorbei, eins ums andere. Plötzlich höre ich hinter mir von der Tankstelle her eine Frau “Schönbühl, Schönbühl” rufen. Nach einigen Sekunden in denen ich mich frage, ob sie irre geworden ist, realisiere ich endlich, dass sie dies mir zuruft! Ich sprinte zu ihr und wir fahren los. Ich liebe Schönbühl. Nur einmal habe ich dort länger als 5 Minuten gewartet. Gestern: 10. Sie stammt aus Dresden (leider nicht Grimma) und fragt, ob ich aus Köln sei. Nettes Kompliment! In Schönbühl springe ich an einer roten Ampel aus und schnell über die Strasse. Schon nach etwa 2, 3 Minuten hält ein Auto mit einem unendlich langen Anhänger an. Lang wie ein Sattelschlepper. Er transportiert lange (logisch) Metallstangen. Im Neufeld fährt er extra für mich von der Autobahn und will extra für mich noch ins Quartier reinfahren. Leider hört er nicht auf meine Richtungsangaben (die sich decken mit den Angaben auf den Wegweisern), sondern fährt bestimmt den Hügel runter in Richtung Aarberg. Nun probier mal, mit so einem Ungetüm von Anhänger auf einer einfachen Landstrasse eine Gelegenheit zum Wenden zu finden! Zum Glück ergibt sich bald eine Gelegenheit über einen kleinen Feldweg (eine “Ansammlung von Schlaglöchern” wäre treffender).

Zwei Stunden später stehe ich schon wieder an der Auffahrt Neufeld, die leider seit dem Tunnelbau ziemlich verwaist ist. Nichtsdestotrotz hält nach etwa 20 Minuten ein Auto mit AG-Kennzeichen. Ein Typ mit Millimeterschnitt, der eigentlich in die Nähe von Zürich fährt, will extra für mich in Kirchberg rausfahren. Und von dort fährt er mich sogar im beginnenden Feierabendverkehr nach Burgdorf hinein. Ein Umweg von sicher 15, 20 Minuten für ihn! Und nun ratet mal, was er von Beruf ist. Berufssoldat!!!!! Ai!! Ich musste ja schön auf den Mund hocken während der ganzen Fahrt. Früher hatte ich sogar jeweils GSoA (Gruppe Schweiz ohne Armee)-Kleber auf meinen Taschen gehabt… Wieder mal schön zu merken, dass sogar meine Vorurteile nicht immer zutreffen… hahaha… Ich laufe zum andern Ende der Stadt und will eigentlich in der Beiz, in der vor einiger Zeit Smith Wigglesworth mal war, einen Kaffee trinken gehen, doch die ist geschlossen. Also wieder Autostop. Nach einigen Minuten rät mir eine Passantin, den Bus zu nehmen. Ich bedanke mich freundlich für ihren Tipp. Kaum ist sie weg, hält auch schon ein Auto für mich. Ja, wir befinden uns nun im Emmental: Sie ist eine Freundin der Mitbewohnerin meiner Schwester, und so fährt sie mich natürlich direkt vor die Haustür!

Schweiz-Marokko, April 09

June 23rd, 2009

Biel-Frankreich

Samstagvormittag, 10 Uhr 45. Mit dem Bus bin ich aus der Stadt rausgefahren auf die Hauptstrasse Richtung Neuchâtel/Lausanne/Genf. Nach 2 Minuten an der Haltestelle nimmt mich einer mit. Er stammt ursprünglich aus Paris und fährt in ein Dorf vor Neuchâtel, ist aber so nett, mich bis Neuchâtel zu bringen. Er fährt mich auch noch durch die Stadt bis ein paar hundert Meter vor die Autobahnauffahrt. Es ist 11 Uhr 30. Ich laufe zur Autobahn und komme an einer Tankstelle vorbei. Dort spreche ich eine Frau an, die gerade ihren Offroader betankt, und sie kann mich ein Stück mitnehmen! Sie ist supernett und macht einen ca. 20km-Umweg, um mich bis auf die A1 auf die Raststätte Bavois zu bringen

Dort warte ich auch wieder nur 5 Minuten an der Auffahrt, und schon nimmt mich ein Lette mit bis kurz vor Nyon. Er würde zwar heute noch nach Frankreich fahren, aber vorher am Flughafen Genf Leute abholen. Da bleibe ich lieber auf der Autobahn. Ich muss erstmal auf der Toilette meine warmen Kleider ausziehen, es ist richtig schön warm und frühlingshaft. Dann laufe ich wieder zur Auffahrt und strecke meinen Daumen raus. Nach 10 Minuten nehmen mich zwei Aargauer mit bis kurz vor Annecy/Aix-les-Bains! Sie fahren mit GPS und haben keine Karte vorbei, und mir fehlt ausgerechnet das Stück Karte, auf dem wir in Frankreich fahren. So habe ich keine Ahnung, wo sie durchfahren um in den Süden zu gelangen. Also steige ich auf einer verlassenen Aire (Raststätte) aus.

Frankreich

Es ist wenig bis nichts los dort, während auf der Autobahn dichter Verkehr vorbeirast – Mann!!! Mein weiterer Weg sieht auf der Karte ziemlich kompliziert aus; ich muss zuerst in Richtung Lyon, aber kurz vorher auf eine andere Autobahn wechseln, jedoch nur für wenige Kilometer, und dann weiter auf die A7. Welches Schild soll ich raushalten? Was für Lifts kann ich annehmen? Vorerst aber warte ich… Ein komischer Typ hält an und will mir partout nicht verraten, wohin er fährt. Ich sage ihm, wohin ich will, worauf er antwortet, er könne mich dorthin bringen, falls ich nett sei. Am liebsten hätte ich ihm die Tür ins Gesicht geschlagen, ich will gar nicht wissen was er mit “nett sein” meint. Aber ich verabschiede mich höflich, erst als er mich noch fragt ob er mich küssen darf, schlage ich die Tür zu und stelle mich wieder zur Auffahrt. Er bleibt noch einige Minuten dort stehen, bevor er endlich wegfährt. Ich bin wütend und frustriert und warte schon seit 45 Minuten, es ist mitten am Nachmittag und ich wollte eigentlich heute bis tief in den Süden von Frankreich kommen.

Aber dann hält Mathieu an! Er fährt nach Marseilles! Das ist das grosse Los! Wir fahren mit flottem Tempo durch halb Frankreich, er ist extrem nett und kauft mir Nougat und Wasser. Dann fährt er auch noch etwa 200km zu weit für mich! Er habe Zeit.. So bin ich bei Sonnenuntergang kurz vor Montpellier, schon fast am Meer.

Ich will zuerst dort irgendwo campieren, finde aber kein Versteck, und beschliesse deshalb, es nochmal zu versuchen, so lange noch ein bisschen Tageslicht da ist. 10 Minuten später hält eine Frau – Annie. Sie fährt bis kurz vor die spanische Grenze, in die Nähe von Perpignan. And guess what….. Sie lädt mich ein, bei ihr zu übernachten. Um 22.30 kommen wir in Argèles-sur-mer an, essen etwas, und gehen dann schlafen.

Frankreich-Spanien

Am nächsten Tag – ein Sonntag – möchte ich eigentlich früh los. Aber wir sind weit weg von der Autobahn und ich völlig von Annie abhängig… ausserdem will ich ja nicht unhöflich sein. Also essen wir Frühstück, ich kann nochmal duschen, wir laufen kurz zum Meer (300m), und dann fährt sie mich nach Perpignan zu einer Péage-Station. Es ist 11 Uhr.

Ich warte 15 Minuten, dann bringt mich ein netter junger Taxifahrer eine Péage-Station weiter. Dort warte ich 20 Minuten, und steige dann bei Christoph ein, obwohl er nur bis über die Grenze, in die Stadt La Jonquera fährt. Ich denke mir, dass ich ja dort bei der Péage aussteigen kann. Aber natürlich geht alles ganz schnell, wir kennen uns beide nicht aus, und zack – schon sind wir von der Autobahn runter und können nirgends anhalten. Nun finde ich mich in einer spanischen Kleinstadt, wo alle hinfahren um Zigaretten und Alkohol zu kaufen. Christoph möchte hier etwas essen, und würde mich dann zur Péage fahren. Was bleibt mir anderes übrig? Ausserdem ist er sehr nett. Wieder dauert alles länger, wir bleiben anderthalb Stunden dort. Dann fährt er zurück in Richtung Frankreich und ich steige an der Mautstation aus.

Nun muss ich irgendwie auf die andere Seite der Autobahn kommen. Die Peaje-Station in meine Richtung liegt etwa 100 Meter weiter zurück. Ich renne an der Mittelleitplanke entlang und dann von Barriere zu Barriere, bis ich rechts am Rand angekommen bin. Überall sind riesige Halteverbotsschilder aufgestellt. Die Autos rasen heran und rasen wieder weg, zudem sind praktisch alle Autos vollgestopft mit Kind und Kegel. Ich habe Angst, dass plötzlich die Polizei auftaucht und mich in die Stadt fährt. Also bete ich…… und stelle mich zwischen zwei Barrieren auf. Plötzlich ist da ein Auto, in dem nur eine Person sitzt. Und in dem der Nebensitz frei ist von Gepäck! Ich schaue flehend hinein und rufe durch die Scheibe “Direccion Barcelona??”. Der Fahrer bedeutet mir mit einem Kopfnicken, einzusteigen. Hinter ihm ist die Barriere schon wieder aufgegangen für das nächste Auto. Ich quetsche mich auf den Sitz, meinen Rucksack zwischen die Frontscheibe und mein Gesicht gepresst. Er fährt los und sagt “I go to Morocco”. … Natürlich kann ich mein Glück nicht fassen! Da stelle ich mich darauf ein, im schwierigen Spanien ewig zu trampen, und finde einen 1’300km-Lift durch ganz Spanien! Unglaublich.

Mein Fahrer heisst Abdul, hinter ihm fährt in einem anderen Auto seine deutsche Freundin Gisi. An der nächsten Tankstelle steige ich zu ihr ins Auto um, da sie mehr Platz hat, und weil Abdul will, dass sie ein bisschen Unterhaltung hat, damit sie nicht einschläft. Ich bin die nächsten 17 Stunden mit den beiden unterwegs. Wir essen zusammen Picknick und fahren die ganze Nacht durch. Irgendwann wird es mühsam, weil ich mich nicht getraue, einzuschlafen.. Gisi scheint mir sehr müde zu sein, also gebe ich mir Mühe, sie wachzuhalten. So um 3 Uhr früh bin ich ganz mies drauf und muss richtig kämpfen… Aber es geht.. irgendwie… Spanien bei Nacht.. durch die Berge, Kaffeetrinken irgendwo in einer verlassenen Raststätte,…

Ich will eigentlich nach Malaga, weil ich da am Montag eine Freundin treffe, um mit ihr die Fähre nach Marokko zu nehmen. Aber als wir in Malaga durchfahren, ist es 4 Uhr früh, und ich getraue mich nicht, in irgendeiner Raststätte auszusteigen. Keine Ahnung, wie ich von da in die Stadt reinkommen würde, zudem ich seit fast 24 Stunden wach bin… Also fahre ich mit bis Tarifa. Kurz nach 6 Uhr kommen wir da im Hafen an. Die Sonne geht auf, und um 7 fahren die beiden auf die Fähre.

Ich wanke durch die Stadt und suche die Autobahnauffahrt. Dann sehe ich eine Bushaltestelle und finde heraus, dass der Bus nach Algeciras fährt.. für 2 Euro oder so… Kaum bin ich eingestiegen, schlafe ich durch bis wir eine knappe Stunde später dort ankommen. In Algeciras kaufe ich mir ein weiteres Busticket nach Malaga, um nochmal zwei Stunden schlafen zu können. Am Montagnachmittag bin ich dann dort.

Biel, Schweiz – Tarifa, Spanien: 9 Lifts. Von Samstag, 11 Uhr, bis Montag, 07 Uhr.

Bald schon 2'000km-Trip!

March 30th, 2009

Weiter als gut 1’000km bin ich noch nie an einem Stück getrampt. Das war Schweiz-Polen. Nächsten Samstag gehts los, durch Frankreich und Spanien nach Marokko! Ein bisschen mehr als 1’900km wird der Hinweg sein: Biel/Bienne-Malaga. In Malaga dann die Fähre nach Oujda, in Marokko selbst wohl Zug und Bus, da ich nicht für Ferien dort bin, sondern um zu schreiben.. Zurück geht es via Tanger mit der Fähre nach Algeciras, und von dort aus über 2000km zurück nach Hause.

Tausendundeine Schauergeschichten habe ich gehört. 999mal war es, dass Trampen in Spanien extrem mühsam ist und man ewig lange Wartezeiten hat. Ich hoffe sehr, das Gegenteil erleben zu dürfen, denn ich habe nur 12 Tage Zeit für Hinreise, Dortsein und Rückreise. Ich rechne mit je drei Tagen Hin-Rückreise, aber auch damit, dass es länger dauern könnte. Mein erster freier Tag ist ein Samstag… Hoffe, dass ich Samstag/Sonntag irgendwie bis Barcelona komme und nicht festsitze bis der Berufsverkehr wieder kommt.

Ich bin ausgerüstet mit Phrasebook, Spanischsprachführer, Schlafsack und guter Jacke, mit Stirnlampe und Isomatte, mit Europastrassenatlas und Taschenmesser. Und ich freue mich! Noch freue ich mich…

Stuttgart – Wroclaw PL

January 2nd, 2009

Am Montagmorgen stand ich um 6 Uhr frueh auf und war eine knappe Stunde spaeter am Stadtrand von Stuttgart an einer Tankstelle kurz vor der Autobahnauffahrt. Es war dunkel, eiskalt und nichts los an der Tankstelle. Ich stand mit Schild an der zweispurigen Strasse und liess die Autos an mir vorbeirasen. Wenn eines zur Tankstelle rausfuhr, sprach ich die Fahrer an. Aber alle fuhren nur in die naechste Ortschaft. Endlich, nach etwa 20 Minuten, hielt Salvadore aus Italien an um sich einen Kaffee zu kaufen. Er arbeitet als selbstaendiger Isolationsirgendwas um Geld zu verdienen, weil er nebenbei noch die Ausbildung zum Floristen macht!! Er liess mich an der Raststaette Wunnenstein raus, noch bevor die Sonne aufgegangen war.

Da auf dem Parkplatz nur zwei Reisecars standen und ihr Inhalt den Rastplatz bevoelkerte, stellte ich mich an der Auffahrt zur Autobahn hin, mit Schild. Alle 10 Minuten fuhr ein Auto vorbei. Ich war froh um meinen mp3-Player und joggte die naechste Stunde an der Stelle, um nicht einzufrieren. Die Sonne ging auf und stieg hoeher und hoeher, die Polizei kurvte herum und beaeugte mich, einige Schweizer Autos fuhren vorbei und in die falsche Richtung… bis ploetzlich ein Wohnmobil mit Schaffhauser Kennzeichen dastand!

Der Fahrer, ein Rentner aus der Schweiz, fuhr nach Berlin, hatte aber keine Ahnung ueber welche Autobahnen, da er dem GPS das Denken ueberlassen hatte. Ich stieg ein in der Gewissheit, dass das GPS ihn eigentlich genau ueber meine Strecke fahren lassen MUSS, sofern es ueber einen gesunden Menschenverstand verfuegt. Tatsaechlich konnte ich auch lange sitzen bleiben und seinen Geschichten von den zahlreichen Europareisen lauschen. Wir fuhren an allen Raststaetten vorbei, auf denen ich schon mehrmals gestanden bin, an Nuernberg vorbei und ein gutes Stueck die A9 hoch, wo ich dann bei der Raststaette Fraenkische Schweiz ausstieg und wir uns gutes Reisen wuenschten.

Der Parkplatz war voll voll voll, die meisten Autos ebenso. Ich entdeckte eines mit Wroclaw-Schild und trieb mich dort eine Viertelstunde herum in der Hoffnung, dass ein einsamer Fahrer mich bis zum Ziel mitnehmen wuerde. Doch es kamen 3 Leute dahergelaufen und quetschten sich so umstaendlich ins Auto, dass ich mich gar nicht mehr traute zu fragen… So begab ich mich zur Tankstelle hinueber und sprach alle an, die dastanden. Bereits der dritte fuhr ueber die A72 auf die A4, bis Chemnitz. Wieder ein Maurer, nicht sehr gespraechig aber sehr sehr nett.

Kurz vor Chemnitz stand ich wieder etwa eine halbe Stunde oder laenger. Ansprechen war muehsam, so wartete ich wieder an der Auffahrt auf Autos, die aber nur vereinzelt vorbeifuhren. Endlich nahm mich einer mit bis zur naechsten Raststaette, bis zu Dresdner Tor. Die Sonne war bereits am untergehen (vor 16 Uhr), ich war muede und mir war kalt.

An der Tankstelle von Dresdner Tor stieg ich aus, schulterte meinen Rucksack, sprach einen Fahrer an, einen zweiten, und hatte auch schon mein Auto nach Wroclaw! Zwei Nuernberger Landwirte, aber so richtig im dicken Mercedes und in Sklavenhaltermentalitaet: ‘Wir stellen nur polnische Arbeitskraefte ein… fuer 6 Euro die Stunde’… naja.. ich wusste die ganze Fahrt nicht was ich von ihnen halten sollte.. Die Fahrt ueber die Grenze und vor allem nach der Grenze dauerte eeeewig und wollte nicht enden. Aber ich sass hinten, hatte meine Ruhe, konnte ab und zu etwas ueber die Schweizer Wirtschaft (“Wieviel verdient denn ein Schweizer Handwerker durchschnittlich? Netto??” “Wie hoch ist eure Mehrwertsteuer?”) oder ueber die Schweizer Politik (“Welche Parteien sind bei euch links, welche rechts?”) erzaehlen und wurde dann auch netterweise bis halb in die Stadt reingefahren, an eine Tramhaltestelle, wo ich zum Glueck genug polnisches Kleingeld dabeihatte um in die Stadt fahren zu koennen.

Start in Stuttgart: 06.50
Ankunft in Wroclaw: 19.00

Biel-Zürich, Dienstagvormittag

November 12th, 2008

In Zürich ist eine Ausstellung über den polnischen Künstler Tadeusz Kantor. Es ist 10 Uhr am Vormittag, nach Zürich wären es per Zug 1h15; ich muss um 16 Uhr 30 in Biel zu arbeiten beginnen. Um 10.30 stehe ich an der Hauptstrasse, noch mitten in der Stadt. Die Hauptstrasse führt in ein Aussenquartier, von dem aus man auf die andere Stadtseite gelangt, dort, wo die A5 nach Solothurn-Zürich beginnt. Ich stehe zuerst mit A5-Schild an der Bushaltestelle, dann ohne Schild. Von den wenigen Autos hält keines. Als der Bus kommt (nach ca. 10 Minuten warten) steige ich ein und fahre ein paar Kilometer mit. Dann laufe ich rückwärts, mit ausgestrecktem Daumen, in Richtung Autobahn. Circa 1km vor der Auffahrt hält ein Auto an und nimmt mich mit bis dahin.

An der Auffahrt ist wenig los. Ich stehe mit “ZÜRICH”-Schild, aber nichts.. Inzwischen ist 11 Uhr vorüber, ich werde langsam nervös. Schon habe ich mein Schild weggepackt und trampe mit blossem Daumen, als ein Auto anhält. Der junge nette (!) Mann (!) kann mich zwar nur 5km mitnehmen, bis zur Raststätte Pieterlen. Aber immerhin! On the road! Dieses Gefühl ist unvergleichbar und macht fast jede Wartezeit wett! Auf der Raststätte begrüsst mich gähnende Leere.. Auf dem Parkplatz stehen vereinzelte LKW’s und etwa 5 Autos, aber in den ganzen 15 Minuten, die ich dort stehe, laufen nur 4 Menschen raus – und alle fahren nach Biel. Endlich läuft weiter vorne ein LKW-Fahrer zu seinem Fahrzeug, sieht mich und ruft zu mir rüber, ob ich mitfahren will. Er fährt zwar nicht nach Zürich rein, aber in ein Dorf etwa 10km vor Zürich.

So fahre ich kurz darauf mit 85km/h über die A5 auf die A1 in Richtung Zürich. Wir unterhalten uns ab und zu, meistens hören wir das Radio-Gewinnspiel, was auch gut ist. Auch hier wieder – nur damit dies auch mal festgehalten wird – ein sehr netter Mann, keine Anmachversuche, keine blöden Sprüche. Ich könnte nun bei einer der zwei nächsten Raststätten aussteigen oder bis zu seiner Ausfahrt mitfahren. Da ich nicht annehme dass jemand, der nach Zürich reinfährt, bei einer Raststätte 15km vorher noch anhält, beschliesse ich, mit ihm mitzufahren. Wettingen Ost entpuppt sich aber als dumme Stelle. Die Autobahnausfahrt mündet direkt in eine Autostrasse für 1-2km. Dann kommt eine Kreuzung: Die einzige weit und breit, und weit und breit keine Zivilisation und wenige Autos. Ich habe keine Ahnung, wo ich bin!! Doch ich springe an der roten Ampel aus dem Lastwagen und stelle mich direkt an der Kreuzung an den Strassenrand der Hauptstrasse, die nach Zürich führt. Aus der Gegenrichtung fahren Autos auf die Autobahn in Richtung Zürich – doch dort kann ich mich nirgends hinstellen, unmöglich.

Aber schon bei der nächsten Rotphase hab ich Glück: Ein superteurer Protz-Offroader steht an der Ampel gegenüber. Der Fahrer kurbelt das Fenster runter und ruft “Bern!Basel!Zürich!”. Ein dummer Spruch, ja ja, bin ich mir gewohnt. Doch ich rufe zurück “Zürich?” und er “Steig ein!”. Ohne zu Zögern springe ich hinüber und hinten rein. Er sei Kosovare und handle mit Autos. Jedes zweite Wochenende fährt er mit einem Auto in den Kosovo und fliegt dann zurück. Von Zürich in den Kosovo seien es nur 15 Stunden Fahrt – hammer. Muss ich auch mal machen! Er fragt, wo ich in Zürich hinmuss. Ich sage Limmatstrasse, denn dort ist das Museum. Er guckt irritiert. Später hält er auf einer Tankstelle, gibt mir 20sFr und bittet mich, ihm einen Eistee kaufen zu gehen. Ich solle mir auch was nehmen. Wenige Minuten darauf erreichen wir Zürich und er fragt, was ich denn TAGSÜBER an der Limmatstrasse wolle. Es stellt sich heraus, dass dort nachts der Strassenstrich ist… na gut.. Nachdem ich ihm mehrmals versichert habe, dass ich nicht “der Arbeit willen” an diese Strasse will, fährt er mich direkt vor die Tür des Museums! Es ist 13 Uhr, und ich habe komfortable 2 Stunden Zeit für die Ausstellung, bis ich den Zug zurück nach Biel nehme..

Langenthal-Bern, Freitagabend

October 25th, 2008

Mitten im Feierabendverkehr laufe ich aus der Stadt in Richtung Autobahnzubringer. Mit A1-Schild stelle ich mich dann an eine lange, gerade Hauptstrasse mit Radstreifen. Nach ungefähr 5 Minuten hält ein Opa an. Ich weiss nicht wer klappriger ist; der Opa oder das Auto. Die ersten zwei Kilometer sprechen wir eigentlich nichts, dann über das Wetter, und dann plötzlich wird es ungemütlich. Der 72-jährige Mann macht mir Komplimente und erzählt mir, wie fit er noch sei – in jedem Bereich. Seine Frau wolle eben kein Sex mehr, er aber möchte schon. Und mit mir wäre er auch gern mal zusammen. Da ich weiss, dass in weniger als einem halben Kilometer die Autobahnauffahrt kommt, wo ich aussteige, sage ich irgendwas von Liebe und Altersunterschied. Weil der alte Mann aber vielleicht noch andernorts fit ist, aber nicht mehr gut hört, muss ich jeden Satz zweimal sagen, was die Reststrecke zum Glück noch schneller vergehen lässt. Dann hält er an, ich verabschiede mich und steige aus, wo er es nicht lassen kann mich noch am Oberschenkel anzufassen. Da ich aber schon fast ausgestiegen bin und nur noch weg will zücke ich meinen Alkoholspray nicht. Aber hätte er das mal während der Fahrt gemacht, wärs ungemütlich geworden für ihn!

Dann bin ich frustriert, angewidert und traurig. Bin ich jetzt als Tramperin selbst schuld, weil ich ja schliesslich zu fremden Männern einsteige?? Aber nein – wenn man so denkt ist immer das Opfer schuld. Es ist eigentlich ja gar nichts passiert! Aber rein die Tatsache dass es Männer gibt, die einem das Gefühl vermitteln sie dürfen über einem verfügen nur weil sie einem mitnehmen, macht mich stinksauer. Überhaupt, eigentlich gehen Fahrer und Tramperin einen mündlichen Vertrag, eine Vereinbarung ein: “Können Sie mich bis dahin mitnehmen?” – “Ja, steig ein”. Wenn es dann zu Forderungen oder gar zu Berührungen kommt, ist das “Vertragsbruch”. Aber ja. Gut, ist nicht jedes Tramp-Erlebnis supergut, so bleibe ich vorsichtig und kann üben, meine Privatsphäre und mich zu schützen. Bis jetzt wurde ich einmal gefragt, ob ich als Dank für die Fahrt einen Kuss geben würde (hallo??? natürlich nicht! und aussteigen), und einmal hat ein Fahrer gefragt, ob ich nicht auch Lust hätte, mal eben kurz mit ihm Spass zu haben (nein, nein, wirklich nicht – und dann war das Thema abgehakt). Die restlichen Fahrerinnen und Fahrer (es sind schon viele!) waren immer alle sehr nett und überhaupt nicht auf irgendwas aus!

Zum Ausgleich sehe ich einen wunderschönen Sonnenuntergang über der Autobahn voller Autos. An der Auffahrt stehe ich ein paar Minuten, weil dort wirklich niemand rauffährt, so abgelegen wie sie ist. Dann hält ein älteres Paar an (hurra, ein Paar!), ich kann in aller Ruhe hinten sitzen und bis Bern emotional runterkommen…

Biel-Langenthal, Freitagmittag

October 25th, 2008

Kurz nach 11 Uhr stelle ich mich an meine Lieblingsstelle in Biel: Eine Bushaltestelle gleich bei mir um die Ecke, am Rand des Stadtzentrums, etwa einen Kilometer vor der Autobahnauffahrt Biel Port. Normalerweise werde ich dort mit “Bern”-Schild innerhalb weniger Minuten mitgenommen. Heute aber stehe ich ohne Schild, denn ich muss 10km vor Bern von der kleinen A5 auf die grosse A1 wechseln und dann auf der A1 etwa 40km in Richtung Basel/Zürich fahren, bevor ich an der kleinen Abfahrt Niederbipp runter muss. Also warte ich, wer anhält, denn trampend gibt es so viele Varianten, von A nach B zu kommen!

Heute warte ich aber ausgesprochen lange für diese Stelle! Eine Auto nach dem andern fährt vorbei, viele starren einfach geradeaus und beachten mich nicht. Was für eine Gesellschaft.. Aber eine bekannte Tramperregel: Je länger die Wartezeit, umso besser geht es danach! Nach etwa einer Viertelstunde hält endlich eine Frau in einem schnittigen Sportauto an. Sie muss nur ein paar hundert Meter weiter, wohnt auch in Biel, aber trotzdem hat sie angehalten! Und sie ist mir auch eine grosse Hilfe, denn sie fährt an der Autobahnauffahrt vorbei. So stehe ich endlich direkt an der Auffahrt, und schon nach zwei Minuten hält jemand an – ein LKW! Mitten in der Kurve blockiert er die ganze Einfahrt, der Dragan aus Serbien. Er fährt nach Bern, ich steige ein ohne zu diskutieren wo ich denn wieder aussteigen kann. Er rät mir, auf der A1 noch ein Stück in Richtung Bern zu fahren und dann auf der Raststätte Grauholz auszusteigen. Ich bin einverstanden, vor allem weil ich erst vor ein paar Jahren einmal auf dieser Raststätte getrampt habe und sie schon lange wieder mal ausprobieren wollte. Dragan ist richtig nett und auf der Raststätte fährt er mit seinem Lastwagen extra für mich über die Brücke auf die andere Seite der Autobahn und dann ohne mich wieder zurück und weiter, obwohl er zeitlich unter Druck ist.

Auf der nun richtigen Seite der Raststätte Grauholz steht ein einziges Auto an der Tankstelle. Ich laufe mit meinem Strassenatlas in der Hand zum tankenden Fahrer und setze meine unschuldigste Mädchen-vom-Lande-Miene auf und frage so, als ob ich zum ersten Mal in meinem Leben trampen würde: “Hallo, guten Tag, darf ich Sie etwas fragen?” – “Fragen darf man immer” – “Fahren Sie zufällig in Richtung Olten??” (Natürlich fährt er in Richtung Olten, wohin denn sonst) – “Ja, also ich fahre nach Basel, warum?” – “Sie könnten mich nicht zufällig ein Stückchen mitnehmen??”. Ich zeige ihm einen Punkt auf der Karte, wo ich hinmuss. Dabei verhalte ich mich so charmant und hilflose-junge-Frau-mässig, dass nur ein herzloses Monster mich nicht mitnehmen würde :-) “Also gut, steigen Sie ein”, sagt er, und später im Auto: “Ich habe noch nie jemanden mitgenommen und nehme eigentlich niemanden mit” – ja ja… kennen wir doch… er ist ein Lehrer an einer Wirtschaftsschule, aber zu meinem Erstaunen hat er am Vormittag zu seinen Kindern geschaut und geht erst nachmittags arbeiten – sehr fortschrittlich! In Niederbipp fährt er für mich runter und lässt mich raus. Kaum bin ich ausgestiegen, hält auch schon das dritte Auto. Ein braungebrannter, grauhaariger drahtiger Mann mit Rotem-Kreuz-Emblem auf dem T-Shirt. Er ist soeben am Flughafen Genf gelandet und fährt jetzt zu seinen Eltern. Er ist direkt aus Afghanistan gekommen, wo er für das Rote Kreuz arbeitet. Am Sonntag fliegt er nach Mosambique, wo er wohnt. Dann weiter nach Somalia für einen Einsatz, bevor er im Januar wieder nach Kabul zurückfliegt. Er ist Spezialist für Bluttransplantationen und Labortechnik und bildet in Afghanistan Leute darin aus, damit sie irgendwann ohne IKRK-Hilfe Krankenhäuser führen können. Leider hätten aber die Taliban bereits wieder 50% des Landes unter Kontrolle, sagt er. Seine Arbeit sei immer ein Schritt vorwärts, zwei zurück. Krass. Dann lässt er mich 50m vor dem Haus meiner Freunde raus.

Biel-Bern, nette Menschen

October 6th, 2008

Sonntagmorgen, ich will nach Bern. Ein Auto mit Waadtländer Kennzeichen hält an, also Leute aus dem französischsprachigen Teil der Schweiz. Ich frage, ob sie nach Bern fahren, sie antworten, nicht direkt, aber sie werden einen kleinen Umweg machen für mich. Nun gut, es ist ja eine Frau die fährt, also steige ich ein. Die ersten 5 Kilometer blättert der Freund der Frau in ausgedruckten Routenplanerblättern und diktiert jeden Meter. Bald wird mir klar: Die beiden haben keine Ahnung wo sie lang fahren müssen. Also frage ich nach, wo sie denn hinfahren. Nach Zürich! Wenn sie also den “kleinen Umweg” für mich fahren würden, würde sie das mindestens eine halbe Stunde kosten. Ich erkläre ihnen das, und sie sagen, sie versprechen mir sicher nicht etwas und machen es dann nicht. Aber ich lasse mich dann trotzdem in Schönbühl – da wo sich die Autobahn teilt – absetzen, meiner Erfahrung nach eine super Auffahrt zum trampen. Zwei Minuten später (Sonntagmorgen, nicht wahr) werde ich auch schon von einer Frau aufgegabelt, die mich in Bern dann auch fast vor die Haustür fährt.

Sonntagabend, ich will schon wieder nach Bern. Entgegen aller meiner Vorsätze trampen im Dunkeln. Ein Mann hält an der halbguten Stelle (Radstreifen..) an und muss erstmal 2 riesige Kartonschachteln in den Kofferraum bugsieren. Dann die Fahrt, die sehr nett und interessant verläuft. Er macht beruflich Umfragen, sein Allgemeinwissen ist dementsprechend gross. Kurz vor Bern fragt er mich, wo ich hinwill. Ich frage, wo er denn hinwill. Er muss eigentlich nur in einen Vorort von Bern, ich antworte, kein Problem, ich kann ja ein Tram in die Innenstadt nehmen. Da sagt er: Nein, sicher nicht! Wenn ich dich jetzt einfach irgendwo abladen würde, hätte ich dich gar nicht mitnehmen müssen! -und fährt mich vor die Tür!

Ansonsten waren noch x-mal Biel-Bern und Bern-Biel, die bis auf einen komplett vom Leben frustrierten Zahnarzt auch alles nette Fahrten waren. Und dem Zahnarzt hat nun wohl endlich jemand zugehört……

Ausserdem endlich mal die Auffahrt Neufeld in Bern ausprobiert, die sich seit dem Umbau zu einer hammer Stelle entwickelt hat! Mein neuer Favorit – Wankdorf ist ja jetzt immer mehr Baustelle…!

Bern-Zürich, Sonntagvormittag

September 18th, 2008

Sonntagvormittag, laufe zur Autobahnauffahrt Ostring und wer steht da?? Die Polizei! 5 Polizisten, ein Polizeiauto, ein Kastenwagen, zwei andere Autos = irgendeine Kontrolle. Zum Glück entscheide ich mich zu warten und fahre noch nicht ans andere Ende der Stadt, denn schon nach ein paar Minuten ziehen die Uniformierten ab und überlassen mir mein Plätzchen.
Wie erwartet ist am Sonntagvormittag niemand unterwegs ausser vollgestopfte Familienautos. Ich beschliesse, mindestens eine halbe Stunde lang mit “Zürich”-Schild auf eine Direktfahrt zu hoffen. Sonst würde ich das Schild wegpacken und von Auffahrt zu Auffahrt trampen… Nach 20 Minuten werde ich aber von einer netten jungen Frau mitgenommen. Zwar nicht bis Zürich, aber Lenzburg liegt nur 20 Minuten vor Zürich und ich kann mir vorstellen, dass von dort aus viele in die Stadt reinfahren. Tatsächlich werde ich in dieser komischen Ausfahrt, welche mitten im Nirgendwo liegt, prompt von einem sehr interessanten und netten mexikanischen Meeresbiologen, der aber in Zürich als Ingenieur arbeitet, mitgenommen. Er muss zwar nicht nach Zürich rein, hat aber genug Zeit, um mich in der Stadt abzusetzen. Perfekt!